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Alle reden über Trauer

Heute ist der Tag an dem wir von diesem Blog hier, dazu angehalten werden uns einmal über Trauer zu unterhalten. Das Thema nicht totschweigen und es nicht mehr als ein Tabuthema in unserer Gesellschaft akzeptieren. Alle Beiträge könnt ihr später hier lesen:  http://in-lauter-trauer.de/alle-reden-ueber-trauer-2017

Wir alle kommen einmal an den Punkt, an dem wir trauern. Tod gehört zum Leben, wie das Atmen. Und man sollte nicht den Fehler begehen zu glauben, dass man damit allein wäre.

Im Zuge dieser Aktion möchte ich offen über meine Erfahrung schreiben.

Wie ich meinen besten Freund verlor

Ich war 15 Jahre alt. Irgendwas zwischen Kind und Erwachsene. Hatte kaum Halt im Leben. Überall wo ich hinkam wurde ich gemobbt, teilweise sogar geschlagen oder Schlimmeres.

Ich hatte einen einzigen Freund. Nennen wir ihn einmal S. S. Tauchte noch nicht lange in meinem Leben auf. Trotzdem war er Halt für mich. Wir konnten über unglaublich viele Dinge reden. Hatten gleiche Interessen, wie auch einige Reibungspunkte. S. Hat es geschafft, dass ich nicht vollkommen meinen Glauben an die Menschheit verlor. Er war eine Art Zuflucht für mich. Der einzige Mensch außerhalb meines Elternhauses, der mich akzeptiert hat wie ich war.

Es war an einem sonnigen Sonntag als mein Handy klingelte. Am anderen Ende war der Vater von S. Das hat mich gewundert, denn sein Vater empfand mich als keinen guten Umgang. Die Kleine, die immer schwarz trägt kann ja auch kein guter Mensch sein.

Was ich hörte riss mir den letzten Rest Boden unter meinen Füßen weg. S. Fuhr auf einer Landstraße von der Disko nach Hause. Ein betrunkener Geisterfahrer, der im Dunkeln seine Scheinwerfer ausgelassen hatte, war mit ihm kollidiert. Alles was von meinem besten Freund übriggeblieben ist, war ein lebloser Klumpen.

Ich war geschockt. Konnte nicht glauben, was ich da hörte. Wie kann an so einem Tag überhaupt die Sonne so gleißend scheinen? Wieso hörte die Welt nicht sofort auf sich zu drehen?

Tagelang konnte ich nicht fassen was passiert war. Doch irgendwann kam die Erkenntnis, als ich vor seiner Tür stand und keiner aufmachte. Niemand an sein Handy ging. Er ist tot. Weg. Für immer aus dem Leben gerissen. Kommt nicht wieder.

Zur selben Zeit bekam meine Mutter die Diagnose MS. Mein Bruder fing an zu saufen. Deswegen habe ich mich niemanden anvertraut. Hab mir eingeredet ich würde schon klarkommen. Ich wollte nicht, dass man sich Sorgen um mich macht, während meine Mutter doch krank ist. Und sich trotzdem noch um meinen Bruder sorgen musste.

Ich habe mich zurückgezogen und gleichzeitig versucht meine Mutter zu unterstützen. Habe lange Zeit einfach so getan, als wäre nie etwas passiert. Habe meiner Trauer keinen Raum zugestanden.

Doch wenn ich abends in meinem Bett lag, dann habe ich mir die Augen ausgeweint. Es hat mich kaputt gemacht und ich dachte, ich wäre der einzige Mensch auf der Welt dem es so geht. Der einzige Mensch, der manchmal so von Gefühlen zerfressen war, dass er nicht mal vernünftig atmen konnte.

Das Schweigen und Verdrängen hat mich letztendlich an den Rand des Selbstmordes getrieben. Ich hatte niemanden mehr. Da waren auf einmal nur noch Dinge in meinem Leben die ich nicht wollte. Trauer, Mobbing, Vorwürfe, Anfeindungen usw.

Ich wollte nicht sterben. Aber ich wollte, dass es aufhört wehzutun. Für mich sah mein eigener Tod damals aus, wie ein Mittagsschlaf. Nur für immer.

Ich traf einen ganz besonderen Menschen, der mir half. Jemand bei dem meine Trauer einen Raum hatte. Jemand, bei dem ich als Person einen Raum hatte. Und irgendwann wurde mein Schmerz zu Wut. Ich war so wütend auf S. Er hatte mir immerhin versprochen immer für mich da zu sein. Und dann ganz plötzlich war „immer“ vorbei. Zu dieser Zeit hab ich mich betrogen und verkauft gefühlt. Was mir bis heute noch leid tut, denn in meiner Wut habe ich mich benommen, wie ein dummes Kind.

Es hat gedauert, bis ich eingesehen habe, dass es so nicht ist. Man hat mich nicht verraten. Ich brauche nicht wütend zu sein. Und erst dann hat die Heilung eingesetzt. Ich habe wieder geweint. Jeden Tag ein bisschen weniger und auf einmal tat es nicht mehr weh, als ich an S. dachte.

Das hält mich allerdings nicht davon ab wenigstens einmal im Jahr sein Grab zu besuchen. Denn er war mir in meiner schlimmsten Zeit ein wahrer Freund.

Diese ganze Sache hat mich verändert. Hat mir gezeigt, dass es immer einen Weg hinaus gibt. Ganz egal wie dunkel der Tunnel auch sein mag. S. Hat mir ein sehr wichtige Geschenk mit auf den Weg gegeben. Er hat mir meinen Glauben an die Menschheit gegeben und mir gezeigt, dass ich alles überstehen kann. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Und deswegen will auch ich nicht mehr das Trauer ein Tabu ist. Wir müssen da alle mal durch. Trauer ist individuell und ganz egal, wie einsam man sich fühlt, es gibt da draußen immer jemanden der ein offenes Ohr hat. Und es gibt Leute die das interessiert. Ihr und eure Trauer seit nicht egal und müsst euch nicht verstecken. Wenn ihr glaubt niemanden zu haben, wie ich es tat, dann gibt es immer noch Hilfe.(In jeder Region gibt es ein Trauerzentrum) Ertrinkt nicht in der Trauer, sondern streckt die Hand aus und jemand wird helfen.

Gebt euch selber Zeit und unterweft euch keinen Trauernormen. (wie z. B. Nach einem Jahr ist alles wieder okay) Setzt euch keinem Druck aus und seid bitte nicht leise. Redet.

Und für S., auch wenn du es nicht mehr lesen kannst:

Ich denke immer noch an dich und bin dir unendlich dankbar. Du warst fantastisch.

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11 Kommentare zu „Alle reden über Trauer

  1. Liebe Jette, ich habe hin und her überlegt, was ich Dir wie hier drunter schreiben möchte, um dann zu dem Schluß zu kommen, dass das was Du offenbart hast mich berührt und ich es so wie es ist, stehen lassen möchte. Und ich werde so oft ich kann, nicht leise sein. Jo

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  2. Der Tod gehört zum Leben dazu, wie der Sonnenuntergang zu einem schönen sonnigen Tag. Im Winter mag er früher kommen als im Sommer, aber er kommt immer. Für etwas, was so unmittelbar mit unser aller Leben verknüpft ist, wird es tatsächlich erstaunlich klein geredet. Wir alle haben irgendwann geliebte Menschen verloren und werden das auch wieder tun. Auf kurz oder lang muss man also lernen, wie man trauert, denn ich glaube, das macht jeder auf seine Weise. Nur alleine lassen sollte man niemanden damit. Schließlich geht auch irgendwann die Sonne wieder auf, auch wenn sie sich mal hinter dicken Wolken versteckt.

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  3. Der Beitrag ist auf vielen Ebenen berührend. Ich bewundere dich dafür, dass du so offen darüber sprichst, an einem Ort, an dem jeder es potentiell sehen kann. Ich würde so etwas nie tun. Wahrscheinlich auch, weil ignorante Leute, die es nunmal zuhauf gibt, jeden als „aufmerksamsgeil darstellen, der sich Hilfe sucht, auf welche Art auch immer.
    Und nicht nur das, du hast mich inspiriert, dieses Thema in meinem derzeitigen Projekt einzubinden. Ich weiß schon genau, welche beiden Figuren eine Diskussion dazu führen werden.

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    1. Dankeschön, für deine Worte. Jetzt kann ich sagen, dass der Name Programm ist. 😀
      Vor diesen ignoranten Leuten kann man sich leider nicht schützen. Die verstecken sich immer irgendwo. Deswegen sind sie für mich kein Grund still zu sein.
      Für mich war es einfach wichtig diese Aktion zu unterstützen. Trauer darf kein Tabu-Thema sein. Und wie kann man das besser unterstützen als mit gutem Beispiel voran zu gehen? Auch wenn es mich einiges an Mut gekostet hat, bin ich stolz es getan zu haben. Deswegen kann ich sehr gut nachvollziehen, warum du es nie tun würdest. Es ist eben etwas sehr Privates.
      Es freut mich extrem, dass ich dich inspirieren konnte. Jetzt bin ich nur ein wenig neugierig, wer die zwei Figuren sind. 🙂
      Liebe Grüße
      Jette

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  4. Danke für diesen tiefen Einblick! Ich habe sowas mal andeutungsweise versucht, bin aber etwas gehemmt, was das angeht.

    Trauer braucht absolut seine Zeit. Bei meinen Eltern, zu denen ich eigentlich kein gutes Verhältnis hatte, dauerte es eine ganze Weile bis ich begriffen hatte, dass sie nicht mehr da sind, also so richtig begriffen. Noch zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter dachte ich „da muss ich Mama fragen“ oder „ich muss Mama anrufen“.

    Gefällt 2 Personen

    1. Sehr gerne.
      Ich musste auch meinen ganzen Mut zusammen nehmen. Aber ich fand, dass es ein wahnsinnig tolles Projekt ist, welches ich unbedingt unterstützen wollte.
      Das richtige begreifen hat bei mir auch eine Zeit gedauert.
      Ich kann deine Worte absolut nachvollziehen.
      Liebe Grüße
      Jette

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  5. Ich kann jedes Wort voll und ganz nachvollziehen. Das ist wunderschön geschrieben. ❤ Du kennst ja meinen Text, den ich zu diesem Thema geschrieben habe und ich weiß wieviel Energie es dich gekostet hat diese Worte zu schreiben. Ich brauchte einige Tage um da wieder ganz raus zu kommen. Zum Thema Tod im allgemeinen möchte ich noch sagen: Ich habe mich mit ihm angefreundet, mir meine eigene Meinung gebildet und habe um meine Großeltern wesentlich entspannter getrauert als um die Menschen die ganz plötzlich nicht mehr da waren. Ich finde das Alter spielt auch eine wesentliche Rolle. Ich habe einen Freund und viele Jahre später meinen Cousin im Alter von 22 Jahren durch Autounfälle verloren, das beisst sich für immer fest weil man es nie verstehen wird. Man lebt damit und es kommt immer mal wieder zurück. Trauer kann man nicht lernen, es kommt immer auf die Umstände an wie und in welchem Alter jemand von einem geht.

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